"Chronischer Stress ist ein bedeutender Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen"
„Höher, schneller, weiter!“ Nichts bleibt stehen, alles entwickelt sich in einem fort weiter. Dem modernen Leistungsträger bleibt oft nichts anderes übrig, als der Gesellschaftsmaxime zu folgen. Aber nicht jeder schafft das gleichermaßen, ohne Schaden zu nehmen. Wann Stress krank macht, und was man dagegen tun kann, erläutert Dr. Thomas Fritz im Gespräch mit Christina Impala von GesundheitsWelt direkt. BaLiOGO geht in Sachen Stressmanagement neue Wege, um stressgeplagte Menschen effektiv zu unterstützen. Ziel von BaLiOGO ist es, eine individuell auf die Persönlichkeit des Menschen zugeschnittene Anti-Stress-Strategie zu entwickeln.
Dr. Fritz, ein gewisser Stresspegel gehört zum Leben, der innere Druck pusht zu mehr Leistung an. Und wenn wir dann etwas erreicht haben, sind wir stolz. Ab wann ist Stress eigentlich nachweislich ungesund?
„Ich gebe Ihnen recht, natürlich gehört ein gewisses Maß an Stress zum Leben dazu. Ohne jegliche Aktivierung würde uns der Drive fehlen, Dinge in Angriff zu nehmen, die uns zunächst mühevoll erscheinen, über deren Ergebnis wir uns aber im nach hinein freuen, weil sie uns weitergebracht haben.
Auf der anderen Seite – und auch das muss man ganz klar sagen – ist chronischer Stress ein bedeutender Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen. Erste Stresssymptome, wie Verspannungen, insbesondere Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Nervosität, Neigung zu Meinungsverschiedenheiten sowie ständiges Grübeln sind ernst zu nehmen.
Denn tückisch ist, dass es keine klare Grenze gibt zwischen dem noch produktivem Stress und dem Stress, der uns nachweislich krank macht. Das heißt, die Gefahr, in unserem meist sehr schnelllebigen Alltag zu spät zu erkennen, dass die Anforderungen am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld uns bereits massiv belasten, ist sehr hoch. Burnout-Erkrankte berichten von einem subtilen Prozess, ihre Belastungsgrenze zunehmend weiter ausgereizt zu haben. Sie waren stets der Meinung, die Situation unter Kontrolle zu haben. Erst sehr spät, häufig bei einem Zusammenbruch, realisieren sie, dass sie längst nicht mehr in Balance sind.“
Stress, Burnout und Erschöpfung. Diese Begriffe sind auch Synonyme für die moderne Leistungsgesellschaft geworden. Im Eiltempo das Ideal erreichen wollen- das scheint für viele die Maxime zu sein. Sind es diese überhöhten Erwartungen an sich selbst, die letztendlich bei vielen in ein Erschöpfungssyndrom gipfeln?
„Die Zeiten, in denen man mit Stress prahlen konnte, sind längst vorbei. Zu hoch ist der Preis, sind die negativen Folgen, die mit chronischer Überforderung einhergehen. Überhöhte Erwartungen können Stress auslösen, aber dies ist nur ein Faktor einer ganzen Palette von möglichen Faktoren. Hohen Stress erzeugen äußere Faktoren, u. a. hoher Zeitdruck und häufige Umstrukturierungen am Arbeitsplatz sowie Konflikte und Sorgen im privaten Bereich.
Noch wichtiger in diesem Zusammenhang sind allerdings stressverstärkende Einstellungen. Perfektionismus ist hier ein populäres Beispiel. Ein Eventmanager, der für einen wichtigen Kunden einen großen Galaabend mit allen Raffinessen veranstaltet und völlig aus der Fassung gerät, weil die Strohhalme an der Bar nicht der Logofarbe des Kunden entsprechen, besitzt eine ausgeprägte Angst vor Misserfolg, Versagen und eigenen Fehlern. Nur ein einziges Detail, so die subjektive Wahrnehmung des perfektionistischen Eventmanagers, gefährde den gesamten Erfolg der Veranstaltung.
Stressverstärkende Einstellungen, wie „sei perfekt“, „sei beliebt“, „sei stark“ oder auch die von Ihnen angesprochenen erhöhte Erwartungshaltung, können unser Leben erheblich belasten. Die gute Nachricht ist, sie alle sind veränderbar – allerdings ist dies weniger trivial als es im ersten Moment erscheint. Ein guter Vorsatz allein hilft da wenig. Vor allem neuere neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse verdeutlichen die Komplexität unseres Verhaltens und zeigen auf, welche Mechanismen beachtet werden müssen, um zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung zu kommen. Dem besagten Eventmanager fehlt also nicht die Disziplin, wenn er seinen Vorsatz, weniger perfektionistisch zu sein nicht umsetzt, sondern die richtige Strategie.“
Jeder geht anders mit Stress um. So ist der eine von Natur aus belastbarer als der andere. Wenn es darum geht, zielgerichtete Lösungen für das Stressproblem zu finden, muss also jeder für sich seine persönliche Strategie gegen Stress entwickeln. Wie wollen Sie das bei Ihren Kunden erreichen?
„Die Erkenntnis, eine nachhaltige Strategie gegen Stress, kann niemals allgemeingültig sein, ist für die meisten Menschen sofort einleuchtend. Zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege, zu unterschiedlich sind unsere stressverstärkenden Einstellungen und unsere Vorlieben für bestimmte Dinge. Wenn ich Ihnen den Tipp geben würde, dreimal pro Woche zu joggen und mindestens einmal pro Woche in die Sauna zu gehen, würden Sie zu Recht antworten: Dann hätte ich wirklich Stress!
Nur wenn die Strategie zur Persönlichkeit des einzelnen passt, entsteht so etwas wie intrinsische Motivation, also ein positiver Antrieb, etwas in seinem Leben tatsächlich verändern zu wollen. Obwohl die ersten positiven Effekte schon schnell spürbar sind, dauert es eine ganze Weile, bis alte Verhaltensautomatismen, ihre stresserzeugende Wirkung in Gänze verlieren. Nur wer in diesem Prozess der Veränderung eine hohe Eigenmotivation besitzt, wird langfristig erfolgreich sein. Wer seine Marschroute nach den „fünf goldenen Regeln gegen Stress“ aufstellt, wird in der Regel scheitern. Denn bei dieser Marschroute fehlt die Passung zu der eigenen Persönlichkeit und damit auch die intrinsische Motivation.
In unserem Seminarkonzept bildet daher die individuelle Herangehensweise einen zentralen Baustein. Jeder Seminarteilnehmer wird individuell unterstützt, Stück für Stück seine persönliche Strategie gegen Stress zu entwickeln.“
Herr Fritz, was für eine Rolle spielt körperliche Aktivität beim Stressabbau?
„Die positiven Effekte sportlicher Aktivität sind allgemein anerkannt. Insbesondere moderater Ausdauersport eignet sich zum Stressabbau. Das ist aber nur eine Seite.
Um Stress nachhaltig zu reduzieren, bedarf es einer anderen, neuen Herangehensweise. Maßnahmen wie Sporttreiben und Entspannungstechniken leisten zwar einen Beitrag, mit ihnen lassen sich jedoch weder äußere Belastungsfaktoren reduzieren noch stressverstärkende Einstellungen verändern. Diese Maßnahmen setzen also an den Symptomen an und dienen dazu, Belastungsspitzen zu reduzieren.
Die eigentlichen Ursachen der Belastung können durch körperliche Aktivität kaum verändert werden. Mit unserem interdisziplinär ausgerichtetem System AHEPEE (Achtsames Handeln im Einklang mit der eigenen Persönlichkeit) fokussieren wir die eigentlichen Ursachen. Erkenntnisse aus dem Bereich der positiven Psychologie belegen eindeutig, dass sich Stress nur dann nachhaltig reduzieren lässt, wenn persönliche Bedürfnisse im Lebensalltag stärker integriert werden. Mit Bedürfnissen meine ich z. B. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, Familienleben, Neugier, Anerkennung, emotionale Ruhe etc. Diese Bedürfnisse spielen bei vielen Menschen keine Rolle, weil sie verlernt haben, sich selbst wahrzunehmen und auf sich selbst zu achten.
Wenn ein Leben überwiegend im „ICH-MUSS-MODUS“ geführt wird („ich muss gerade diese E-Mail schreiben", „ich muss mit dem Kollegen noch ein Gespräch führen", „ich muss für heute Abend Theaterkarten besorgen", „ich muss meinen Vortrag noch vorbereiten"), entsteht früher oder später Unzufriedenheit, Orientierungslosigkeit und eine innere Leere. In einer solchen Situation schwindet zugleich die Fähigkeit, Freude im Alltag zu empfinden und sich für Dinge des Lebens begeistern zu können. Ein typisches Resümee ist dann: Ich lebe nicht mehr, ich funktioniere.
Umgekehrt führt die Ausrichtung auf eigene Bedürfnisse dazu, dass Belastungen viel besser kompensiert werden können. Das lebensphasenspezifische Bedürfnis entwickeln wir im Rahmen unserer Seminare mit Hilfe projektiver Verfahren, da es auf der kognitiven, rationalen Ebene nicht zugänglich ist. Die Bedürfniskompetenz stellt nicht nur die Basis für die individuelle Strategie gegen Stress dar, sondern ist der Schlüssel für Zufriedenheit und Wohlbefinden, Authentizität, Bewusstheit und Sinnorientierung.“
Das Interview fühte Christina Impala von GesundheitsWelt direkt.

